Reinhard Grütz
Die Galerie Gisela Heier widmete dem Bildhauer und Maler Reinhard Grütz aus
Darmstadt anlässlich seines 70. Geburtstags vom 21. Juni bis zum 30. Juli 2008
eine umfangreiche Einzelausstellung.
Links auf dem Foto: Die Galeristin Gisela Heier umringt von dem Künstler Reinhard Grütz
(links) und dem Kunstkritiker Dr. Roland Held.
Reinhard Grütz, wurde 1938 in Berghöfen/Ostpreußen geboren. Nach der Vertreibung wuchs
er in Thüringen auf, machte das Abitur in Eisenach und anschließend ein Praktikum in der
Kunstschmiede bei Prof. Günther Laufer. Von 1959 bis 1964 studierte er an der Hochschule
für Kunst und Design Burg Giebichenstein in Halle. Es folgte der Aufbau eines Design-Ateliers
am Institut für Textil-Maschinen in Chemnitz. Wegen eines Fluchtversuchs wurde Grütz von 1966
bis 68 in der damaligen DDR inhaftiert. Erst 1981 wurde ihm die Ausreise in die Bundesrepublik
gestattet. Seitdem arbeitet er in Darmstadt als freier Künstler, Designer und Mediaberater. Viele
Stahlskulpturen von Reinhard Grütz befinden sich im öffentlichen Raum: über
Chemnitz - Frankfurt - Darmstadt bis Savannah/Georgia.
- Bild links: „Lichtgitter III“, 1999, Edelstahl, Savannah/Georgia, USA -
Dr. Roland Held, Kunstkritiker aus Darmstadt, der seit Jahren mit den malerischen
und bildhauerischen Arbeiten von Reinhard Grütz vertraut ist, führte in das Werk des
Künstlers ein. Im folgenden seine umfangreichen Ausführungen:
„Ein Bild von Caspar David Friedrich ist nicht vorbei; vorbei sind nur einige Umstände,
die es entstehen ließen, z.B. bestimmte Ideologien; darüber hinaus, wenn es ‚gut’ ist,
betrifft es uns überideologisch, als Kunst, die wir mit einigem Aufwand verteidigen (wahrnehmen,
ausstellen, machen). Man kann also ‚heute’ wie Caspar David Friedrich malen.“
So schrieb 1973 in einem „Brief an Jean Christophe Ammann“ der Maler Gerhard Richter,
der seither schier ins Überdimensionale und Internationale angewachsen ist zum Vorzeigekünstler
der Bundesrepublik. Stimmen wir ihm zu, meine sehr verehrten Damen und Herren? Da Richters Werk
heute nun gerade mal nicht zur Hand ist, überprüfen wir seine Behauptung doch einfach mittels der
Bilder von Reinhard Grütz! Auch wenn ich, der ich das Grütz’sche Schaffen seit jetzt gut
zwanzig Jahren verfolge, ahne, dass wir am Ende unserer Untersuchung zu einem entschiedenen
Jein gelangen.
Wer an Caspar David Friedrich denkt, denkt an Landschaft. Und tatsächlich scheint uns Reinhard Grütz
in seiner Malerei primär als Landschafter entgegenzutreten, aktiver Vertreter eines Genres also,
das im 20.Jahrhundert mehrmals totgesagt worden ist. Zwischen den Polen des Erdschweren und des
Luftig-Leichten pendeln seine Motive hin und her. Felsenküsten, Geröllhalden, Steinbrüche,
Gebirgskämme auf der einen Seite, auf der anderen Vogelschwärme vor Strukturen, die, je nach
Blickwinkel, mal für Wolken, mal für tief weggesunkenes Land stehen können. Auf kaum einem Werk
ein Hinweis, dass wir in Zeiten einer urban und technisch-industriell geprägten Umgebung leben.
Als wolle dieser Maler die Zivilisation, der er doch selber angehört, gezielt ausblenden. Wir
sind gewohnt, eine solche Einstellung umgangssprachlich „romantisch“ zu nennen.
- Bild links: "er nahm einen Stein", 2006, Acryl auf Leinwand -
Und was die Motive betrifft – stapelweise haben die historischen Romantiker Fels- und
Gesteinsskizzen angefertigt; sie haben sich dem mineralischen Reich gewidmet mit einer Hingabe,
die als Gesamtleistung schon mit einer „Physiognomik des Steines“ verglichen worden
ist. Desgleichen galt ihr brennendes Interesse, als Pendant im Luftraume, nun zwar nicht den Vögeln,
wohl aber den Wolken. Neben vielen Wolkenstudien von Blechen, Turner und Constable gibt es derlei
auch von Caspar David Friedrich, einige davon sogar als Ölbilder ausgeführt, mit extrem niedrigem
Horizont, damit das ganze Phänomen aus Feuchtigkeit und Volumen, Bewegung und Licht, das eine Wolke
ausmacht, in seinem eigenen Recht zur Erscheinung gelangt.
Genügt das Vorgesagte also, um Reinhard Grütz als Neo-Romantiker zu klassifizieren? Ich fürchte,
es würde nur zu einer Begriffsverwischung führen, wenn wir das nicht präziser fassen. Noch sind wir
nicht davon entbunden, etwas genauer hinzuschauen, hinzuhören. Hinzuhören etwa auf Goethe, der in
puncto Naturbeobachtung und Naturverehrung ein direkter Vorläufer der Romantik war. In einem im
handschriftlichen Nachlass entdeckten Text über den Granit, den er als „die Grundfeste
unserer Erde“ ansah, darauf sich alle übrigen Gebirgsformationen stützen, in diesem Text
legt Goethe seine eigene Weltanschauung als Dichter und Wissenschaftler in Personalunion dar:
„Ich fürchte den Vorwurf nicht, dass es ein Geist des Widerspruchs sein müsse, der mich von
Betrachtung und Schilderung des menschlichen Herzens, des jüngsten, mannigfaltigsten, beweglichsten,
veränderlichsten, erschütterlichsten Teiles der Schöpfung zu der Beobachtung des ältesten, festesten,
tiefsten, unerschütterlichsten Sohnes der Natur geführt hat [des Granit]. Denn man wird mir gerne
zugeben, dass alle natürlichen Dinge in einem genauen Zusammenhange stehen, dass der forschende
Geist sich nicht gerne von etwas Erreichbarem ausschließen lässt.“
- Bild links: „der Weg ist schmal", 2006, Acryl auf Leinwand -
Wenn wir unsere Fähigkeit zum Hinschauen jetzt erproben an den um uns ausgebreiteten Bildern, wird
uns der Unterschied zur historischen Romantik besser aufgehen. Finden wir doch bei Grütz seltsam
isoliert und verabsolutiert und somit verfremdet, was bei Friedrich und seiner Generation Sinn
just durch die lebendige Vernetzung, ja: bis hin zum menschlichen Herzen, zugewiesen bekam. Man
könnte auch sagen: das Ineinanderspiel der Elemente ist bei Grütz stillgestellt hin auf den Punkt,
wo seine Naturausschnitte eher unwirklich denn wirklich erscheinen. Und, nicht zu übersehen,
vorgeprägt durch die Sehweise der Kamera, der er seine Motivvorlagen in der Regel verdankt.
Wir sehen Steine bar jeglicher Vegetation, und schon gar nicht gekrönt von dem in die Ferne
schauenden Wanderer in Rückenansicht, der den Betrachter der Caspar David Friedrich’schen
Gemälde, als Identifikationsfigur quasi, ins Panorama hineinzieht. Überhaupt das Panoramische:
mehrmals ist die Bildfläche mit Steinen wie vermauert. Und auch wo Steine auf den ersten Blick
eine Felsenküste bezeichnen, ist auf den zweiten Blick kein Wasser auszumachen; weder Wellen sind
uns garantiert, die sich an den Brocken brechen, noch Spiegelungen, noch auch eine Horizontlinie,
wo Meer und Himmel sich treffen. Stattdessen hat man im Extremfall den Eindruck, das Auge könne
unter- und oberhalb schwebender Felsen widerstandslos durchstoßen, ins Leere!
Wirklichkeitsfern ist auch die Farbgebung. Konträr zur problemlosen Wiedererkennbarkeit des
Dargestellten verhält sich diese Art Abstraktion. Abstraktion in der Tendenz zur Monochromie,
genauer vielleicht: Duochromie, weil oft außer, sagen wir, einem Blaugrün und einem Gelbgrün
keine weiteren Farben übriggeblieben sind; alle wurden vom Maler übertragen in jene beiden, alle
Buntfarbigkeit ist abgezogen – wie ja „abstrakt“ von lateinisch
„abstrahere“ kommt: wegziehen, wegreißen. ähnlich irreal muten die Vogelschwarm-Bilder an.
Auch sie neigen zu einer reduzierten, mit Vorliebe nächtlich-blauen Skala. Das bis zur letzten
Feder präzise Gepinselte und das malerisch Verwischte können zusammentreten auf ein und demselben
Bild. Wenn dieses sein Vogel-Thema überhaupt in Relation zu natürlichen Gegebenheiten – hier
ein verschneiter Wald, dort ein durch striemiges Wasser watender Elch – wiedergibt, dann
scheint im Zweifelsfall mit der Perspektive oder dem Lichteinfall etwas nicht zu stimmen. Das
Motiv wird zum Muster.
Zur Nebensache gerät, ob der ornithologisch Kundige jetzt Arten ortsfester oder Zugvögel,
langhälsige Gänse oder kurzhälsige Enten, heimische Möwen oder exotische Fregattvögel identifiziert.
An diesem Punkt übrigens wäre denn auch die Schnittstelle mit den Edelstahlskulpturen des
Reinhard Grütz. Die Handvoll Beispiele, die er mitgebracht hat, sind charakterisiert von einer
Symmetrie, die gleichwohl nicht stur mathematisch durchexerziert ist, sondern sich ergibt aus
geschlossenen und offenen Volumina, aus durchgezogenen und unterbrochenen Kantenführungen, aus
Positiv- und Negativformen. Wie ihr Urheber die Elemente solchen Kräftespiels austariert, vollzieht
sich ohne Willkür und entspringt doch letztlich einer ästhetisch motivierten Entscheidung. Die
Abknickungen und Winkel der geschweißten Konstruktionen lenken unsere Aufmerksamkeit auf die
Bewegungsphasen der Vogelflügel, als wären die unendliche Vielfalt dieser rückführbar auf ein
überschaubares Register geometrischer Figuren.
- Bild links: INDEX O, 1986, Edelstahl -
Soweit der Exkurs zur Grütz’schen Bildhauerei, die, nach eigenem Bekenntnis, auf den Plan
tritt „manchmal, wenn ich in der Malerei nicht weiterkomme“. Wobei ich vermute, dass
das Umgekehrte ebenso g¨ltig ist. Halten wir zur Malerei nochmals fest: das Panoramische bleibt
Ausnahme bei Reinhard Grütz. Obwohl er auch Bildformate in petto hat, die aufgrund der begrenzten
Wandfläche hier in der Galerie nicht gezeigt werden können. Ausnahme bleibt bei ihm damit auch
die Weltlandschaft, sozusagen der große Wurf von Szenerie, darin die Elemente Erde, Wasser, Luft
und womöglich sogar Feuer gleichermaßen präsent sind. Innerhalb solcher anschaulicher kosmischer
Ordnungen hatten Maler seit Leonardo, Altdorfer, Breughel dem Menschen seinen verlässlichen Platz
zugewiesen. Er war Teil des großen Zusammenhangs.
Dem Globetrotter Alexander von Humboldt eine Bild-Hommage gewidmet.
Für die letzten Triumphe der Weltlandschaft im 19.Jahrhundert könnten wir Caspar David Friedrich
ebenso in den Zeugenstand rufen wie seinen Schüler Carl Gustav Carus, der in seinen „Neun
Briefen zur Landschaftsmalerei“ definierte: „So können wir die Hauptaufgabe
landschaftlicher Kunst nun bestimmter aussprechen als: Darstellung einer gewissen Stimmung
des Gemütslebens ... durch die Nachbildung einer entsprechenden Stimmung des Naturlebens ... .“
Wieder hätten wir also den schon vom Granit-Schwärmer Goethe empfohlenen Brückenschlag zwischen
Schöpfung und Menschenherz, zwischen Äußerem und Innerstem. Desgleichen könnten wir verweisen auf
den Globetrotter Alexander von Humboldt. Vielleicht besonders passend, weil Reinhard Grütz ihm,
berggipfelhaft gigantisch porträtiert als Hintergrund für einen tropischen Vogelschwarm, eine
Bild-Hommage gewidmet hat. Weswegen Humboldt? Ihm schwebte für jede Art landschaftlicher Schilderung,
ob schriftlich oder bildhaft, vor, „die Erscheinungen der körperlichen Dinge in ihrem
allgemeinen Zusammenhange, die Natur als ein durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganzes
aufzufassen“.
Wir haben es schon vorweggenommen: die Landschaften des Reinhard Grütz neigen zum Bruch mit
der historischen Romantik, insofern sie ihr Motiv bevorzugt in nackter, nüchterner Vereinzelung
präsentieren bzw. ohne Verbindung zum Menschen und seiner Lebenswelt. Namentlich die für Caspar
David Friedrich typischen religiösen Obertöne fehlen, sprich: der Glaube, das Göttliche wohne der
Natur inne. Was durchaus christlich aufgefüllt sein konnte – man denke nur an das regelmäßig
wiederkehrende Kreuz bei Friedrich, allen voran im „Tetschener Altar“. Grütz hat darauf,
bewusst oder unbewusst, geantwortet mit dem Gemälde „Mein Haus“, das in
Ausschnittvergrößerung die Einladungskarte zu dieser Ausstellung ziert. Das Kirchlein,
kenntlich durch Längsansicht des Schiffs und den zahn-stocherspitzen Turm, in der Mitte
des Horizonts, hinter einer Wüstenei von schroffen Felsgraten und -schründen, es erscheint
so verzwergt, dass wir uns und den Maler fragen dürfen, wie notwendig es überhaupt ist. Nein,
was einem hier und dort und andernorts als Landschaft entgegengehalten wird, wirkt eher rätselhaft
als rückversichernd und tröstlich. Das Idyll ist, als denkbare, malbare Möglichkeit, buchstäblich
in unerreichbare Fernen gerückt.
Trotzdem möchte ich die beharrliche Gr¨tz’sche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen
Aspekten von Natur nicht einengen auf rein biographische Prägungen des Künstlers. Er selbst bietet
das an, wenn er, der Ex-DDR-Bürger, der wegen versuchter Republikflucht verurteilt jahrelang in
Bautzen einsaß, jetzt im Gespräch von der Tonnenlast der ertragenen Verhältnisse erzählt und von
der unerfüllten Sehnsucht, Grenzen einfach überfliegen zu können. Nur allzu bereitwillig ließen
sich die Themenschwerpunkte Fels und Vogel in diesem Sinne symbolisch deuten. Doch ich fürchte,
das wäre nur die oberste Interpretationsschicht.
Bei aller erwähnten Verfremdung überlebt in dieser Malerei doch eine sinnliche Faszination für
natürliche Strukturen und Konstellationen, und eine ebenso sinnliche Lust, derlei mit Farbe,
wie gebrochen, wie gefiltert, wie getönt auch immer, auf die Leinwand zu übertragen. Insofern
ist jedes Bild von Reinhard Grütz eine Mahnung, dass die Welt der Qualitäten noch nicht restlos
überführt ist in eine Welt der Quantitäten. Wenn schon nicht im panoramischen Ganzen, so
offenbart sich doch in der Hingabe ans Detail ein Nachklang dessen, was Carus
das „Erdlebenbild“ genannt hat und was Humboldt zu dem Ratschlag
veranlasste: „Man lernt die Physiognomie einer Landschaft desto besser kennen,
je genauer man die einzelnen Züge auffasst, sie miteinander vergleicht und so auf dem Wege
der Analysis den Quellen der Genüsse nachgeht, die uns das große Naturgemälde bietet.“
(Er meint hier mit Naturgemälde freilich die Konfrontation mit der Natur selbst.) Was von
romantischem Empfinden in der Malerei von Reinhard Grütz überlebt – und das macht ihren
besonderen Reiz für uns Betrachter aus – ist nicht die Antwort auf eine metaphysische
Frage. Nein, es ist ihr insistierendes Erinnern daran, das der Schöpfung ein Mysterium
innewohnt, welches wir trotz aller Fortschritte der Wissenschaft nicht befriedigend definieren
können. Keine Antwort auf eine Frage. Aber tausend bildgewordene Hinweise, dass da etwas
fragwürdig geblieben ist, wert des immer neuen Nachfragens, Nachforschens, Nachschauens.
Etwas Ungelöstes, mit dem wir nicht weniger zurande kommen müssen als die historische Romantik.
Deswegen können wir heute malen wie Caspar David Friedrich nur, indem wir ganz andere Bilder
zustande bringen“.
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